Wahrhaftig kommunizieren - was heißt das? Und warum überhaupt?

 

Es heißt, ehrlich und wahrhaftig über das sprechen oder das ausdrücken, was gerade in uns vorgeht.

Es heißt, wirklich und wahrheitsgemäß kommunizieren, uns einander zeigen mit dem, wie es gerade in uns aussieht, anstatt aneinander vorbei zu leben.

 

"Sag ein kleines Stückchen Wahrheit

und sieh, wie die Wüste lebt.

Schaff ein kleines bisschen Klarheit,

und schau, wie sich der Schleier hebt."

Xavier Naidoo, Und wenn ein  Lied

 

Für die meisten von uns sieht die Kommunikation mit anderen Men-schen im Arbeitsleben und sogar privat so aus: 80 – 90 Prozent des-sen, was wir sind und was gerade in uns vorgeht, wird verborgen (oft sogar vor uns selbst) und die übrigen 10 oder 20 Prozent dessen, was wir sind oder was gerade in uns vorgeht, werden mit einer Beimisch-ung von mehr oder weniger starken Beschönigungen nach außen gezeigt.

 

Seit unserer Kindheit sind wir so darauf trainiert, das zu tun, dass es uns meist nicht einmal mehr bewusst ist. Die Folge sind im besten Fall oberflächliches Nebeneinanderherleben, im schlimmeren Fall Missverständnisse, Enttäuschungen, Entzweiung bis hin zu Krieg im Persönlichen und Kollektiven - auch und nicht nur in der gesell-schaftlich anerkannten Form von Diskussionen - Isolation und Ent-fremdung, selbst in Gesellschaft von Menschen, mit denen wir uns im tiefsten Innern Nähe wünschen.

Ein Sonderfall von Kommunikation ist das, was wir Höflichkeit nen-nen. Sie besteht zum großen Teil aus Lügen, Halbwahrheiten und Verschweigen - ich stelle das hier mal überspitzt so dar, um die Schizophrenie zu verdeutlichen, in der wir trainiert werden. Als Kinder lernen wir gleichzeitig: „Du sollst nicht lügen“ UND höflich zu sein. Dann gibt es noch die Notlügen, die eine weite Grauzone eröffnen ...

Das unhinterfragte Credo des gesellschaftlichen Lebens ist: Anders geht es gar nicht, sonst würde es Mord- und Totschlag geben - „Wo kämen wir denn schließlich hin, wenn jeder sagte, was er oder sie denkt?!“

Einfach nur alles in die Welt hinauszuposaunen was wir so denken, ohne Rücksicht auf Verluste, ist aber gar nicht das, worum es geht, wenn wir uns mehr Mitmenschlichkeit und erfüllendere Beziehungen wünschen.

Es geht in erster Linie gar nicht so sehr darum zu sagen, was wir den-ken, sondern mitzuteilen, was wir fühlen und wie es uns gerade geht – also uns zu zeigen, wie wir gerade sind – auf eine Art und Weise, die die Schuld für unseren Zustand nicht einem anderen zuschiebt. Das ist mit wahrhaftig kommunizieren gemeint.

 

Wahrhaftig kommunizieren macht deutlich, wo Abstand ist, und öffnet die Chance für zwischenmenschliche Nähe, die durch Offenheit entsteht, und die jenseits von Mögen oder Nicht-mögen ist. Manchmal verwandelt sich Abstand in Nähe, wenn er ausgedrückt wird, manchmal bleibt es beim Abstand, dann aber ohne K(r)ampf und Lüge.

Wie in einem „Laboratorium für persönliche Abrüstung“ (Scott Peck).

Gemeinsam schweigen, Konflikte ansprechen, das Risiko eingehen, uns mit unseren dunklen Seiten, unserer Verletzlichkeit und unserer Schönheit sehen zu lassen - all das sind mögliche Aspekte dieses Gruppenprozesses. Wir üben und experimentieren damit, wie wir Selbstausdruck nutzen können, um Nähe zu schaffen, anstatt sie zu vermeiden.

Zu unserer individuellen Erfüllung UND um unser kollektives menschliches Leben auf diesem Planeten wieder zunehmend sinnvoll zu gestalten:

"Als Bürgerliche in der Gesellschaft werden wir immer machtloser. Es wird immer schwieriger, die sozialen Institutionen und alles, was uns immer anonymer erscheint, zu beeinflussen. Deswegen ist es wichtig, dass wir nicht auch selbst anonym werden - unsere Machtlosigkeit und Anonymität ist keine Privatsache, und deswegen müssen wir soviel wir nur möglich übereinander wissen, die allerintimsten Informationen - auf freiwilliger Basis natürlich, als ein freiwilliger Drang, einander etwas anzugehen, und nicht durch Abhörgeräte oder Karteikarten. Deswegen müssen wir uns klarwerden, ob wir vorhaben, unser Privatleben ernst zu nehmen, oder ob wir es weiterhin mystifizieren wollen. Das Privatleben ist meiner Meinung nach zu einer Idee ohne Inhalt geworden, weil es allmählich sehr wenig mit dem Respekt vor der Integrität des Individuums zu tun hat. Und ich mache mir ernsthafte Sorgen, dass Computer, Abhörgeräte und andere Kräfte unser Privatleben abschaffen werden, wenn wir es nicht in dem Verlangen nach menschlicher Gemeinschaft selbst tun."

(Suzanne Brogger, geschrieben 1978)